Offenheit und Gemeinschaft – Ein Blick auf die intergenerationelle Betreuung in Japan
Ein Beitrag von Tatjana Thomann
Generationenverbindende Betreuung , Wissenschaft & Generationenforschung , Zusammenleben, Nachbarschaft & Quartiere
17. Februar 2026
Die Öffnung von Betreuungseinrichtungen zur Nachbarschaft - Ein möglicher Treiber für intergenerationelle Kontakte? Die Ethnologin Samira Hüsler hat im Rahmen ihrer Forschung Betreuungseinrichtungen in Japan besucht und gibt im Interview Einblick, wie durch Offenheit neue Begegnungsmöglichkeiten im Alltag entstehen.
Intergenerationeller Spaziergang in Japan - Samira Hüsler
Die intergenerationelle Betreuung gewinnt auch in der Schweiz zunehmend an Sichtbarkeit und zeigt sich in vielfältigen Angeboten und Modellen. In Japan finden sich spätestens seit den 1970er Jahren spannende Beispiele, in denen institutionelle Pflege‑ und Betreuungsstrukturen geöffnet und Menschen unterschiedlicher Altersgruppen auf neue Weise zusammengebracht werden. Obwohl intergenerationelle Ansätze sowohl in Japan als auch in der Schweiz noch eine Nische darstellen, verdienen sie mehr Beachtung – nicht zuletzt, weil sie aufzeigen, wie vielfältig und kreativ generationenübergreifende Betreuung gestaltet werden kann.
Im Interview gibt Ethnologin Samira Hüsler Einblick in unterschiedliche inter‑ und multigenerationelle Ansätze im japanischen Kontext und zeigt auf, welche Überlegungen und Erfahrungen daraus für unseren eigenen Umgang mit generationenübergreifender Betreuung gewonnen werden können.
Sichtbarkeit für intergenerationelle Modelle
Samira Hüsler ist Ethnologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ostschweizer Fachhochschule OST und Doktorandin an der Universität Zürich. Im Rahmen ihrer laufenden Dissertationsforschung besucht sie Betreuungseinrichtungen in Japan und der Schweiz, die integrative und/oder intergenerationelle Ansätze verfolgen. Durch ihre ethnografische Feldforschung möchte sie sichtbar machen, wie solche Modelle im Alltag funktionieren, welche Philosophien sie prägen und welche Impulse sie für die Weiterentwicklung gemeinschaftsorientierter Betreuungsformen bieten.
Sie haben im Rahmen Ihrer Forschung verschiedene Einrichtungen in Japan besucht, die inter- oder auch multigenerationell Ansätze verfolgen. Können Sie uns einige Beispiel nennen?
Besonders eindrücklich war eine Einrichtung, die als klassisches Shared‑Site‑Modell organisiert ist: Auf einem gemeinsamen Gelände befinden sich ein Altersheim, eine Kindertagesstätte, eine Tagesstruktur, Arbeits- und Beschäftigungsangebote für Menschen mit Behinderungen sowie ein öffentlich zugängliches Restaurant. Ergänzt wird das Gelände durch einen offenen Garten mit Tieren, der bewusst auch Nachbar:innen zum Vorbeikommen einlädt. Diese räumliche Nähe führt zu einem sehr natürlichen, alltäglichen Miteinander zwischen Kindern, älteren Menschen, teilweise mit Demenz, Erwachsenen und Kindern mit Behinderungen und Menschen aus der Nachbarschaft. Die intergenerationellen Begegnungen entstehen somit nicht zwingend über gemeinsame Aktivitäten, sondern über geteilte Alltagsräume.
Ein zweites Modell, das mich besonders beeindruckt hat, sind intergenerationelle Arrangements, in denen Mitarbeitende der Pflege ihre eigenen Kinder mit zur Arbeit bringen dürfen. Die Kinder werden nicht separat betreut, sondern bewegen sich selbstverständlich in denselben Räumen wie ältere Menschen. Dadurch entsteht ein ungeplanter, sehr alltäglicher Kontakt zwischen den Generationen – ohne formalisiertes Programm.
Ein weiteres Beispiel, um intergenerationelle Kontakte zu fördern, sind die sogenannten Baby‑Volunteers: Mütter mit Neugeborenen oder Kleinkindern besuchen Altersheime oder Tagesstrukturen für Senior:innen – oftmals einfach, um einen Kaffee zu trinken. Währenddessen kommen ältere Menschen spontan in Kontakt mit den Müttern und ihren Kindern. Oftmals ist Intergenerationalität also nicht durch strikte Programme oder verbindende Angebote verankert, sondern durch die bewusst offene und gemeinschaftsorientierte (Raum)Gestaltung.
In Kürze:
- Keine einheitliche Definition: Intergenerationelle Betreuung ist weder in Japan noch in der Schweiz eine klar definierte Kategorie. Einrichtungen unterscheiden sich in ihrer Ausgestaltung und finden unterschiedliche und vielfältige Wege, um Begegnungen zwischen Altersgruppen im Alltag zu ermöglichen.
- Begegnungen entstehen im Alltag: Intergenerationelle Kontakte entstehen häufig nicht unbedingt durch organisierte Programme, sondern durch gemeinsam genutzte Räume und ein alltägliches Miteinander.
- Öffnung zur Nachbarschaft: Viele Einrichtungen verstehen sich als Teil ihres sozialen Umfelds und öffnen ihre Räume bewusst für die Nachbarschaft. Etwa durch Cafés, Gärten oder frei zugängliche Angebote.
- Engagement und lokale Bedürfnisse als Ausgangspunkt: Viele dieser Einrichtungen gehen auf engagierte Einzelpersonen oder lokale Initiativen zurück und entwickeln sich aus konkreten Bedürfnissen vor Ort.
Sie haben erwähnt, dass in Japan Begegnungen nicht unbedingt durch spezifische Aktivitäten entstehen, sondern durch das Gedankengut der Öffnung und nachbarschaftlichen Orientierung. Wie gestaltet sich diese Öffnung?
Wichtig ist mir zu betonen, dass es auch in Japan keine klar definierte Kategorie «intergenerationelle Betreuung» im institutionellen Sektor gibt. Ich kann daher nur von den Einrichtungen sprechen, die ich im Rahmen meiner Forschung besucht habe. Diese eint jedoch eine gemeinsame Haltung: Sie verstehen sich nicht als abgeschlossene Institutionen, sondern als Teil ihrer Nachbarschaft – als Orte, die offen, zugänglich und in enger Zusammenarbeit mit ihrem sozialen Umfeld funktionieren.
In der Praxis zeigt sich diese Öffnung auf unterschiedliche Weise. Mehrere Einrichtungen stellen Räume zur Verfügung, die von der Nachbarschaft mitgenutzt werden können – etwa für Hausaufgaben, Treffen oder kleine Veranstaltungen. Andere integrieren bewusst öffentliche Angebote wie Restaurants/Cafés, einen frei zugänglichen Garten, kleine Süsswarengeschäfte für Kinder oder Münzwäscherei in ihre Einrichtungen. Dadurch entstehen natürliche Begegnungen zwischen älteren Menschen, Kindern und Bewohnenden des Quartiers – ohne dass diese gezielt organisiert werden müssten. Eine weitere Form der Öffnung ergibt sich aus der Haltung, soziale Gruppen nicht künstlich voneinander zu trennen. So werden zum Beispiel Tagesstrukturen für ältere Menschen und Kinder im gleichen Raum möglich gemacht.
Diese verschiedenen Beispiele haben eines gemeinsam: Sie entstehen aus der Überzeugung heraus, dass Betreuungseinrichtungen nicht isoliert existieren sollen, sondern in einem lebendigen Austausch mit ihrer Umgebung. Diese Offenheit wird nicht durch zwingende Vorgaben, sondern durch lokale Bedürfnisse, gelebte Praxis und engagierte Akteur:innen gefördert.
«Obwohl sich die organisatorischen Strukturen zwischen diesen Einrichtungen stark unterscheiden, teilen sie eine grundlegende Haltung: die Überzeugung, dass Menschen nicht zwingend nach Alter oder Unterstützungsbedarf voneinander getrennt werden müssen.»
Ergibt sich aus Ansätzen im Wohlfahrtssystem, dass sich die Einrichtungen eher so organisieren, dass intergenerative Begegnungen entstehen?
Das japanische Wohlfahrtssystem legt seit Mitte der 2000er Jahren stärker Wert auf wohnortnahe und vernetzte Unterstützung älterer Menschen. Ob Einrichtungen sich wegen dieses Systems bewusst öffnen, kann ich nicht sicher sagen. In meinen Feldforschungen zeigte sich jedoch: Viele der von mir besuchten Häuser kombinieren unterschiedliche Angebote unter einem Dach oder betreuen verschiedene Gruppen gemeinsam – und dadurch entstehen ganz selbstverständlich offene, durchlässige Räume. Genau in solchen Alltagsumgebungen kommt es zu Begegnungen zwischen verschiedenen Generationen, ohne dass dies ausdrücklich geplant ist. Die Offenheit entsteht durch die gelebte Praxis einzelner Einrichtungen, die sich bewusst in ihrer Nachbarschaft verankern.
Wer steht eigentlich hinter der Entstehung solcher offenen Einrichtungen in Japan?
Viele der von mir besuchten Einrichtungen gehen auf Einzelpersonen zurück, die aus einer persönlichen Motivation heraus neue Wege gehen wollten – häufig inspiriert durch lokale Herausforderungen oder durch eigene berufliche Erfahrungen. Zugleich gibt es Einrichtungen, die aus kommunalen oder regionalen Netzwerken hervorgegangen sind oder durch diese gestärkt werden, insbesondere dort, wo Gemeinden stark schrumpfen oder sich die demographische Zusammensetzung ändert. In solchen Kontexten entsteht ein pragmatischer Innovationsgeist: Man muss neue Wege gehen, um soziale Räume zu erhalten.
Gibt es staatliche Förderstellen oder Programme, die solche zusammenführenden Einrichtungen gezielt unterstützen?
In Japan gibt es keine eigene staatliche Kategorie und keine gezielten Förderprogramme für intergenerationelle Betreuung. Einrichtungen, die verschiedene Altersgruppen zusammenbringen, müssen ihr Angebot deshalb innerhalb bestehender Strukturen verorten – etwa in der Kinderbetreuung, der Tagesstruktur oder innerhalb der Pflegeversicherung. Das führt dazu, dass sie administrativ oft mit mehreren Zuständigkeitsbereichen gleichzeitig arbeiten.
Eine Ausnahme bildet das 2018 eingeführte inklusive Betreuungsmodell kyōsei‑gata, dass die gemeinsame Betreuung älterer Menschen und Menschen mit Behinderungen offiziell zulässt. Kyōsei‑gata ist keine eigenständige Gesetzesgrundlage, sondern eine administrativ eingeführte Leistungsform innerhalb der bestehenden Pflege‑ und Behindertenhilfesysteme. Sie wurde geschaffen, um Überschneidungen zwischen Altenpflege und Behindertenhilfe zu reduzieren und Doppelstrukturen abzubauen. Entsprechend gibt es ein offiziell integratives Modell, welches jedoch nicht immer intergenerationell ausgerichtet sein muss.
Grundsätzlich lässt sich sagen: Viele generationenübergreifende oder inklusive Ansätze scheinen in Japan nicht aufgrund spezifischer staatlicher Programme, sondern durch das Engagement von lokalen Akteur:innen zu entstehen.
Wie erleben Mitarbeitende und Angehörige die Auswirkungen von generationenübergreifenden Kontakten?
Die Rückmeldungen aus Japan und der Schweiz sind überraschend ähnlich. Oft werden folgende Beobachtungen genannt: Ältere Menschen wirken vitaler, die Umgebung wird als lebendiger und abwechslungsreicher beschrieben und Kinder entwickeln, laut Aussagen des Personals, ein differenzierteres Altersbild. Eltern berichten, dass Kinder sich im Alltag empathischer verhalten. Zum Beispiel indem sie Hilfsmittel wie Gehhilfen erkennen und von sich aus älteren Menschen helfen.
«In Japan wurde häufig betont, dass die Altersdurchmischung mehr egao – lächelnde Gesichter – hervorbringe. Dieses Bild wurde fast schon zu einer Art wiederkehrendem Leitmotiv in den Gesprächen.»
Zum Schluss: Welche Erfahrung oder Beobachtung aus deiner Forschung würdest du uns gerne noch mit auf den Weg geben?
Während eines Mittagessens in einer Tagesstruktur setzte sich eine Mutter mit ihrem Baby zu uns. Ohne Zögern reichte sie das Kind einer älteren Frau mit Demenz. Ich erwartete, dass das Baby irritiert, reagieren würde – doch es blieb völlig ruhig und schien die Zuwendung zu geniessen. Später erklärte die Mutter lachend, dass sie ihr Kind regelmässig in Onsen (öffentliche Bäder) mitnehme, wo es oft von älteren Frauen gehalten werde. Für das Baby war diese Form der Nähe also selbstverständlich.
Solche Momente haben mir deutlich vor Augen geführt, wie natürlich und ungezwungen Begegnungen zwischen Generationen entstehen können, wenn der Rahmen stimmt. Sie haben mich zudem daran erinnert, wie vorsichtig man mit vorgefertigten Erwartungen sein muss. Zu Beginn meiner Forschung suchte ich stark nach vordefinierten Programmen, Strukturen und klaren Abläufen. Mit der Zeit wurde mir jedoch bewusst, dass viele Einrichtungen gerade deshalb funktionieren, weil sie flexibel sind, lokal verwurzelt bleiben und sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren.
Diese Modelle passen oft nicht reibungslos in bestehende Vorgaben oder Finanzierungssysteme. Aber sie zeigen, wie vielfältig, kreativ und menschlich Betreuung aussehen kann.
Das könnte Sie auch interessieren
Eine Petition fordert eine diskriminierungsfreie Schweiz für jedes Alter
Altersdiskriminierung erhält in der Schweiz noch immer zu wenig Aufmerksamkeit. Mit ihrer aktuellen Petition fordert die VASOS eine diskriminierungsfreie Gesellschaft für alle Generationen und setzt damit ein klares Zeichen. Hans Peter Graf, Gerontologe und Altersaktivist, ordnet im Interview die Petition und die politische Debatte rund um Altersdiskriminierung in der Schweiz ein.
Altersbilder: Widersprüchlich und doch allgegenwärtig
Sture Alte und faule Junge? Prof. Dr. Klaus Rothermund erklärt im Interview, warum sich Altersbilder trotz vieler Widersprüchlichkeiten so hartnäckig halten, welche Rolle gesellschaftliche Nützlichkeitserwartungen und kulturelle Unterscheide dabei spielen und warum wir uns mit diesen Bildern letztlich selbst schaden.
Wissen&Austausch: Durch Vorlesen Generationen verbinden
Zum Auftakt des neuen Online-Austauschformates «Wissen&Austausch: Gemeinsam Generationen verbinden» von Intergeneration berichtete Marc Ciprian der Stiftung Kita Thalwil von seinen Erfahrungen, teilte Einblicke in die Organisation von Generationenbegegnungen und Durchführung von gemeinsamen Vorleseaktionen.