Alle Blogs in der Übersicht

Ich vermisse schon die alten Leute. Weil, ich geh ja bald in die Schule.

Eindrücke vom Symposium «Begegnungen – ein intergeneratives Modellprojekt» im Februar in Freiburg (Breisgau). Der Saal der Evangelischen Hochschule Freiburg (D) war mit 100 Personen schon fast überfüllt. VertreterInnen aus Senioreneinrichtungen und Kindertagesstätten zu gleichen Teilen, Medienschaffende und natürlich die Wissenschaft. Aber auch der Bundesverband Seniorentanz war vertreten.

201302-Jung_alt-Zeichnung.png

Gleich zu Beginn wird ein Widerspruch laut: Der Begriff «Begegnungen» sei unglücklich gewählt. «Beziehungen» würde das Miteinander von jungen und alten Menschen treffender beschreiben. Um dieses Miteinander ging es auf dem Symposium. Nach 18 Monaten feierte das Forschungsprojekt «Begegnungen» Bergfest. Erste Erfahrungen aus Sicht der Praxis und der Wissenschaft wurden vorgestellt und ausführlich diskutiert.

Im Februar hat Intergeneration eine der vielen Begegnungen besucht und darüber berichtet.

Bild: Das Forschungsteam: Prof. Dr. Thomas Klie, Prof. Dr. Dörte Weltzien, Norman Pankratz. Nicht im Bild: Dr. Maike Rönnau-Böse

Jung und Alt tun einander gut

Das diese Begegnungen für alle Beteiligten in den meisten Fällen einen förderlichen Austausch bewirken gilt für Praktiker als auch Wissenschaftler als gesichert. Es werden positive Altersbilder vermittelt, Kinder entwickeln autobiografisches Verständnis, es entsteht ein „wir-Gefühl“, neue Rollen werden bei Kindern entdeckt: „Neulich hat ein Kind gesagt: Ich bin jetzt der Beschützer für die Bewohner, ihr (die anderen Kinder) seid viel zu hektisch. Ich pass jetzt auf, damit den alten Menschen nichts passiert.“

Auch „laute“ Kinder kommen nach einer gemeinsamen Stunde ruhiger zurück. Bei den Älteren sind Signale von Wohlbefinden, Engagiertheit und Interesse zu erkennen. Das Fazit: Ein Lernen findet bei beiden Altersgruppen statt. Jetzt sollen intergenerative Begegnungen in den Alltag der Pflegeeinrichtungen integriert werden. „Der Aufwand lohnt“ – so die einhellige Meinung.

Generationen-Kunst

Reinhard Lohmiller, Professor an der Evangelischen Hochschule Freiburg, stellt eine sehr praxisnahe und erfolgversprechende Aktion vor: Eine biografisch ausgerichtete Kunstaktion. Teilnehmende wählen aus einer Kiste Gegenstände und assoziieren daran frei etwas aus ihrem Leben. So erinnert eine alte Uhr an die Konfirmation oder ein Kochtopf an den Geruch in Grossmutters Küche. Die Fundsachen sind Anknüpfungspunkte an das eigene Leben. Ebenso das „Streichen“ von Farbe auf Gegenstände. Zum Beispiel das Färben der eigenen Hände, die dann Spuren auf einer Leinwand hinterlassen.

Rührend war auch der Bericht über die Einladung einer Sitztanzgruppe (Senioren) zu einem Dancebattle (Jugendliche). Es wurde von „fürsorglichen Hip-Hop-DJs“ berichtet, welche sich um die betagten Gäste kümmerten. Mit etwas Mut und Selbstvertrauen tuen sich ungeahnte Möglichkeiten auf.

Sind Ihnen ähnliche Projekte bekannt? Schreiben sie uns bitte.

Praxishandbuch veröffentlicht

Auf dem Symposium wurde neben den ersten wissenschaftlichen Ergebnissen eine Handreichung für die Praxis präsentiert. Sie enthält konkrete Angebote, Spielaufgaben, Themen und Hinweise für Generationen übergreifende Begegnungen.

Weltzien, Rönnau-Böse, Klie, Pankratz (2013): BEGEGNUNGEN. Ein Projekt mit Hochbetagten Menschen und Vorschulkindern. Handreichung für die Praxis. 32 S., ISBN: 978-3-932650-55-0

Das Buch kann hier bestellt werden: Bestellung 5 € inkl. Versand – 32 Seiten

Nach dem Projekt wird es richtig spannend

Nach weiteren 18 Monaten werden alle Ergebnisse vorliegen. Da sind die Interviews ausgewertet, die Video-Beobachtungen analysiert und die Erkenntnisse publiziert. Dann wird sich zeigen, in welchem Umfang die Effekte des Projektes in die Familien getragen werden. Aus dem im Moment noch laufenden Modellprojekt sollen Impulse ausgehen, die in der Praxis ihre Fortsetzung finden. Die nächste Aufgabe wird sein, die Eltern der Kinder und die Angehörigen der Älteren ins Boot zu holen. Wir sind gespannt und werden den Kontakt nach Freiburg halten.

 

Ein Beitrag von Michael Hausammann

Schreiben Sie einen Kommentar

Das könnte Sie auch interessieren

Intergenerationeller Spaziergang Zensiert

Offenheit und Gemeinschaft – Ein Blick auf die intergenerationelle Betreuung in Japan

Die Öffnung von Betreuungseinrichtungen zur Nachbarschaft - Ein möglicher Treiber für intergenerationelle Kontakte? Die Ethnologin Samira Hüsler hat im Rahmen ihrer Forschung Betreuungseinrichtungen in Japan besucht und gibt im Interview Einblick, wie durch Offenheit neue Begegnungsmöglichkeiten im Alltag entstehen.

Wie Alt, So Jung

Eine Petition fordert eine diskriminierungsfreie Schweiz für jedes Alter

Altersdiskriminierung erhält in der Schweiz noch immer zu wenig Aufmerksamkeit. Mit ihrer aktuellen Petition fordert die VASOS eine diskriminierungsfreie Gesellschaft für alle Generationen und setzt damit ein klares Zeichen. Hans Peter Graf, Gerontologe und Altersaktivist, ordnet im Interview die Petition und die politische Debatte rund um Altersdiskriminierung in der Schweiz ein.

IG Plattform Werbung 6

Altersbilder: Widersprüchlich und doch allgegenwärtig

Sture Alte und faule Junge? Prof. Dr. Klaus Rothermund erklärt im Interview, warum sich Altersbilder trotz vieler Widersprüchlichkeiten so hartnäckig halten, welche Rolle gesellschaftliche Nützlichkeitserwartungen und kulturelle Unterscheide dabei spielen und warum wir uns mit diesen Bildern letztlich selbst schaden.

Jetzt anmelden oder Profil erstellen

Anmeldung Profil erstellen