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Generationensolidarität auf dem Prüfstand: Expertin im Gespräch

Die Solidarität zwischen den Generationen ist ein vieldiskutiertes Thema in der anhaltenden Krise. Doch was ist darunter eigentlich zu verstehen? Wie hat die Corona-Pandemie die Beziehungen zwischen den Generationen beeinflusst? Wo liegen die Herausforderungen und was können wir aus der Krise mitnehmen? Anna Suppa ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Walliser Hochschule für Soziale Arbeit und forscht zu Generationenbeziehungen. Hochaktuell ist dabei eine Untersuchung zur Generationensolidarität in der Krise. Erkenntnisse stellt sie im Interview mit Intergeneration vor.  

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Einfluss der Pandemie auf die generationenübergreifende Solidarität: Chancen und Herausforderungen

Zum Start eine grundsätzliche Frage: Was ist eigentlich unter Solidarität zwischen den Generationen zu verstehen?
Damit wir die Bedeutung von generationenübergreifender Solidarität besser verstehen können, ist es hilfreich, uns zunächst mit dem gängigen Verständnis von Generationen und Solidarität auseinanderzusetzen. Der Generationenbegriff wird in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet. So kann zwischen Generationen in der Gesellschaft und Generationen in der Familie unterschieden werden. In gesellschafts- und sozialpolitischen Diskursen wird vorwiegend von einem generellen, von familiären Kontexten losgelösten Generationenbegriff Gebrauch gemacht, der auf gesamtgesellschaftliche Gruppierungen rekurriert. Diesen Gruppierungen werden historische, soziale oder kulturelle Gemeinsamkeiten zugeordnet. Wir sprechen dann beispielsweise von der 68er Generation oder der Generation Y.¹ Genauso vielfältig ist das Konzept der Solidarität, das je nach politischer oder wissenschaftlicher Ausrichtung andere Nuancen vorweist. Zusammenfassend kann unter Solidarität das gemeinsame Einstehen für geteilte Interessen verstanden werden.²  Der Bereitschaft zu prosozialen Handlungen gehen eine emotionale Verbundenheit der Handelnden sowie das Vertrauen auf Wechselseitigkeit voraus. Die Kapazität zum Perspektivenwechsel und das Ausmass gegenseitiger Abhängigkeit prägen die Gestaltung und Stabilität von Solidarität. Die Solidarität zwischen den Generationen umfasst in der Regel, vereinfacht gesagt, das Verhältnis von Jung und Alt und ihre Wechselbeziehungen. Wer jung und wer alt ist, wird allerdings nicht immer genau bestimmt.³ Im Fokus steht der Solidaritätsgedanke, dass wir mit unseren Zeitgenossen und den anderen Generationen solidarisch handeln.

Im Rahmen ihres Forschungsschwerpunkts haben Sie die Solidarität zwischen den Generationen in der Krise unter anderem in einem Forschungsprojekt genauer untersucht. Welchen Einfluss hatte der Zustand der Generationenbeziehungen vor der Krise auf das Verhalten während der Pandemie?
Wir haben an den Walliser Hochschulen für Soziale Arbeit und Kunst während der ersten Welle der Coronapandemie, die von drei Generationen ergriffenen Solidaritätsaktionen im Kanton Wallis untersucht. Im Zentrum der Untersuchung standen die Erfahrungen und Schwierigkeiten sowie die zur Überwindung allfälliger Herausforderungen entwickelten Ressourcen der Betroffenen. Die Resultate des Forschungsprojekts zeigen, dass die Solidarität zwischen den Generationen bereits vor der Corona-Pandemie teilweise fester Bestandteil des Alltags war. Für die in Bergregionen lebenden Interviewten zählt beispielsweise die Solidarität zwischen den Generationen als Teil des Berglebens und ist auf alte Traditionen zurückzuführen. Die Gesundheitskrise hat während der ersten Coronawelle die generationenübergreifende Solidarität aufgrund der Notsituation und der damit einhergehenden Sicherheitsmassnahmen jedoch flächendeckend sichtbarer gemacht. Selbst in den Städten, in denen tendenziell eine grössere Anonymität unter Nachbar:innen gewahrt wird, haben öffentliche und private Akteure zu einer verstärkten Gemeinschaftssolidarität beigetragen. Die damaligen politischen Appelle sowie die zahlreichen Unterstützungsprojekte haben die Solidarität zwischen den Generationen als eine zentrale Massnahme im Umgang mit dem Coronavirus gekennzeichnet und ihr damit mehr Visibilität verschafft. Viele Jugendliche haben sich während dieser Periode in Solidaritätsprojekte engagiert und die als Risikogruppe gekennzeichneten älteren Menschen unterstützt. Dieses Engagement hat dazu geführt, dass entweder neue ausserfamiliäre Austauschbeziehungen zwischen Alt und Jung entstehen konnten oder bereits vorhandene Hilfsstrukturen neu aktiviert wurden. Mit der Bereitstellung der Impfstoffe hat sich der Fokus im gesellschafts- und sozialpolitischen Diskurs von der Solidarität zwischen den Generationen auf die intergenerationelle Impf-Solidarität verschoben.

Wie hat die Corona-Pandemie die Beziehungen zwischen den Generationen beeinflusst? Wie haben sich bestehende Stereotypen und Altersbilder gegenüber anderen Generationen konkret in der Krise bemerkbar gemacht?
In der ersten Coronawelle, als weder Erfahrungswissen im Umgang mit dem Virus noch ein Impfstoff zur Verfügung standen, galten Menschen ab 65 Jahren als besonders gefährdete Personengruppe, Kinder und Jugendliche stattdessen als risikoarm. Dem Alter wurde im damaligen Kontext eine erhöhte Fragilität und der Jugend eine stärkere Widerstandsfähigkeit attestiert. Dies führte dazu, dass ältere Menschen entweder als Sündenböcke für den Lockdown verantwortlich gemacht wurden oder aufgrund der ihnen zugeschriebenen Verletzlichkeit im Fokus der Solidaritätsaktionen standen. Eine zum subjektiven Empfinden der Menschen ab 65 Jahren durchgeführte Studie der Hochschule für Soziale Arbeit Freiburg verweist darauf, wie die Krise in der ersten Coronawelle zu einem negativen Bild von Personen ab 65 Jahren führte und Spannungen zwischen den Generationen auslöste.⁴ In unserem qualitativen Forschungsprojekt der HES-SO Valais-Wallis konnten wir hingegen beobachten, wie die in der ersten Coronawelle stark geförderte intergenerationelle Solidarität und der damit einhergehende Austausch zwischen den Generationen bei den 17 untersuchten Fällen tendenziell einen Abbau der altersgebundenen Stereotypen begünstigte. Die Krise und die damals getroffenen Sicherheitsmassnahmen hatten somit ambivalente Auswirkungen auf bereits bestehende Stereotypen. Gleichzeitig warfen die in der ersten Welle akzentuierte Differenzierung der altersbedingten Risikogruppen, und der vornehmend an die jüngeren Menschen gerichtete Appell sich solidarisch gegenüber älteren Menschen zu verhalten, neue Fragen zur Generationengerechtigkeit und zu den intergenerationellen Abhängigkeitsverhältnissen auf. Mit den nachfolgenden Coronawellen wurde das Alter als eines der zentralen Risiko-Merkmalen ein Stück weit relativiert. Wir sehen heute wie teilweise auch junge und gesunde Menschen intensivmedizinisch behandelt werden müssen. In diesem Kontext hat das Coronavirus den Kontrast zwischen Jung und Alt und damit auch die Unterstützungsbedürftigkeit nach Alter neu definiert.

Was können wir als Gesellschaft für die Zukunft – gerade auch ausserhalb von Krisenzeiten – mitnehmen? Wo sehen Sie Chancen und was sind die Herausforderungen für die Generationensolidarität?
Im Hinblick auf die Erfahrungen, die wir während der Gesundheitskrise gemacht haben und aktuell noch machen, können wir festhalten, dass Krisen für generationenübergreifende Beziehungen sowohl Herausforderungen als auch Chancen bergen. Auf der einen Seite können Krisen ein Auseinanderdriften der Generationen begünstigen und bereits bestehende Stereotypen verstärken. Auf der anderen Seite führen Krisen auch zur Neudefinierung der generationenübergreifenden Rollen und erlauben damit den Beitrag eines jeden Akteurs aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen. Gleichzeitig vermögen Krisen Missstände in gesellschaftlichen Strukturen aufzudecken. Im Rahmen des letzten interdisziplinären Kolloquiums des Forschungsschwerpunktes Alter und generationenübergreifende Beziehungen der HES-SO Valais-Wallis haben sich Forscher:innen und Fachleute aus der Schweiz und Quebec mit genau diesen Themen auseinandergesetzt. Dabei wurde beispielsweise diskutiert, wie im Kontext von gesellschaftlich relevanten Krisen die generationenübergreifende Solidarität keine Dauerlösung sein kann, und sie auch nicht die öffentliche Solidarität zu ersetzen vermag. Solidarität, ihre Verantwortung und ihre Grenzen sind ein wichtiges soziales Thema, bei dem ethische, politische und finanzielle Aspekte berücksichtigt werden müssen. Dies gilt auch für die Generationensolidarität ausserhalb von Krisenzeiten. Bei der Forderung nach intergenerationeller Solidarität und der damit einhergehenden Frage nach Generationengerechtigkeit gilt es somit eine differenzierte Sichtweise einzunehmen.

Weiterführende Informationen

  • Die Video-Aufnahmen (deutsch/französisch) der Online-Tagung «Generationenübergreifende Beziehungen in Krisenzeiten: Herausforderungen und Chancen», die am 16. September 2021 vom Forschungsschwerpunkt “Alter und generationenübergreifende Beziehungen” der HES-SO Valais-Wallis organisiert wurde, sind unter folgendem Link zugänglich.
  • Den Dokumentarfilm zum Forschungsprojekt «Generationenübergreifende Solidarität in Zeiten des Coronavirus» der Hochschulen für Soziale Arbeit und Kunst der HES-SO Valais-Wallis könnten Sie unter folgendem Link anschauen.
  • Generationensoldarität braucht soziales Vertrauen

Literaturangaben

  1. Höpflinger F. (1999) Generationenfrage – Konzepte, theoretische Ansätze und Beobach-tungen zu Generationenbeziehungen in späteren Lebensphasen. Lausanne, éditions Réalités sociales.
  2. Friedrich Ebert Stiftung (2020). Solidarität in Zeiten der Krise. Interview mit S. Lessenich.
  3. Pohlmann S. (2005). Die ethische Dimension der Generationensolidarität, Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, vol. 38(4).
  4. HETS Fribourg (2021): Recherche et prestations de services.

Anna Suppa

Anna Suppa ist Sozialwissenschaftlerin und Sozialarbeiterin und arbeitet beim Forschungsschwerpunkt «Alter und generationenübergreifende Beziehungen» der HES-SO Valais-Wallis. Gleichzeitig ist sie als Forschungsmitarbeiterin bei diversen Forschungsinstituten und als Springerin in der Sozialen Arbeit tätig.

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