Alle Blogs in der Übersicht

„Von den älteren Mitarbeitenden wünsche ich mir mehr Souveränität, von den jüngeren mehr Fingerspitzengefühl"

Wirtschaft & Arbeit

31. März 2011

Helena Trachsel, Head of Diversity Management bei Swiss Re, ist überzeugt, dass die Generationen voneinander lernen können.

Warum widmet ein Unternehmen wie Swiss Re dem Thema Alter und Generationenbeziehungen einen Grossteil seiner Diversity-Aktivitäten?
Helena Trachsel: Im Wissen, dass wir spätestens im Jahr 2015 eine deutliche Verknappung von jungen arbeitsfähigen Leuten auf dem europäischen Arbeitsmarkt haben werden, müssen wir erfahrene Mitarbeitende länger im Unternehmen behalten.
Welche Massnahmen dienen diesem Ziel?
Trachsel: Es braucht mehr Investitionen in die stetige Weiterbildung auch unserer älteren Mitarbeitenden. Man muss sich beispielsweise fragen, ob nicht auch der 55-Jährige noch Chinesisch lernen soll, der eine besondere Beziehung zum asiatischen Markt hat. Oder ob nicht auch die 53-Jährige noch eine Führungsausbildung absolvieren soll, die sich durch besondere Führungskompetenzen auszeichnet. Auf diese Art könnte es gelingen, Menschen zu motivieren, auch über das offizielle Pensionsalter im Unternehmen zu bleiben.
Die Post beispielsweise setzt auf generationenübergreifende Mentoring-Partnerschaften. Eine Option auch für Swiss Re?
Trachsel: Wir sind tatsächlich dabei, entsprechende Mentoring-Programme in die Tat umzusetzen. Ältere Männer und Frauen können ihre langjährigen Erfahrungen an die Jungen weitergeben; die Jüngeren, die oft stärker sind im Bereich Informatik und neue Technologien, können ihren älteren Kollegen auf diesem Feld weiterhelfen. Damit würden beide Generationen eine zusätzliche Wertschätzung ihrer Arbeit erfahren. Darüber hinaus würde es sicherlich dazu beitragen, gegenseitige Vorurteile abzubauen.
Vorurteile welcher Art?
Trachsel: Viele Ältere sind überzeugt, dass die Jüngeren zwar über gutes Schulwissen, aber viel zu wenig praktische Erfahrung verfügen. Also lassen sie sich ungern von einem jungen Mitarbeiter etwas sagen. Etliche Junge hingegen glauben, dass ihre Ausbildungen das Gelbe vom Ei seien und dem Wissen der Alten weit überlegen. So treten sie mitunter etwas grossspurig auf und lassen es an Fingerspitzengefühl gegenüber den “alten Hasen” fehlen.
Was würden Sie sich von den einen, was von den anderen Kollegen und Kolleginnen wünschen?
Trachsel: Von den Älteren würde ich mir mehr Souveränität, auch Seniorität und eine innere Grosszügigkeit wünschen, dank der sie den jungen Kollegen auch einmal das Feld überlassen können. Sie sollten sich sagen: Auch ich habe vieles im Unternehmen bewegen dürfen, jetzt trete ich einen Schritt zurück. Ich bin ja immer noch da zum Auffangen und Unterstützen, wenn etwas schief geht. Die Jungen sollten manchmal etwas diplomatischer auftreten und etwas mehr Geduld zeigen. Beiden würde es guttun, einander besser zuzuhören.
Ein Thema, das das Verhältnis von Jung und Alt im beruflichen Umfeld mit Sicherheit belastet, ist der sogenannte “Jugendwahn der Wirtschaft”. Wer älter als 50 ist, fühlt sich schnell einmal auf dem Abstellgleis. Zu Recht?
Trachsel: In Bereichen wie der IT-Branche, wo es sehr starke Konkurrenz gibt, ist die Befürchtung durchaus berechtigt. Da sind die älteren Mitarbeitenden auch die teureren. Wenn sich gleichzeitig ein Jüngerer bewirbt, bekommt er die Stelle. Bei einem Rückversicherer wie Swiss Re, der angewiesen ist auf hochspezialisierte Fachleute, die auch dank Alterserfahrung zu ihrem Wissen kommen, ist die Chance intakt, auch als gutqualifizierter 50-, ja, 55-Jähriger neu angestellt zu werden. Wobei diese Leute flexibel genug sein müssen, gewisse Lohneinbussen hinzunehmen oder auf einen hierarchischen Titel zu verzichten.

Helena Trachsel

Helena Trachsel, 52, arbeitet seit 13 Jahren bei Swiss Re. Ursprünglich stand sie dem Gleichstellungsprogramm "Taten statt Worte" vor, seit 2002 leitet sie im Rang einer Direktorin das Diversity Management. Ab 2010 wird der Bereich Generationenbeziehungen/Alter dem Bereich Frauen/Männer gleichgestellt.

Schreiben Sie einen Kommentar

Das könnte Sie auch interessieren

Intergenerationeller Spaziergang Zensiert

Offenheit und Gemeinschaft – Ein Blick auf die intergenerationelle Betreuung in Japan

Die Öffnung von Betreuungseinrichtungen zur Nachbarschaft - Ein möglicher Treiber für intergenerationelle Kontakte? Die Ethnologin Samira Hüsler hat im Rahmen ihrer Forschung Betreuungseinrichtungen in Japan besucht und gibt im Interview Einblick, wie durch Offenheit neue Begegnungsmöglichkeiten im Alltag entstehen.

Wie Alt, So Jung

Eine Petition fordert eine diskriminierungsfreie Schweiz für jedes Alter

Altersdiskriminierung erhält in der Schweiz noch immer zu wenig Aufmerksamkeit. Mit ihrer aktuellen Petition fordert die VASOS eine diskriminierungsfreie Gesellschaft für alle Generationen und setzt damit ein klares Zeichen. Hans Peter Graf, Gerontologe und Altersaktivist, ordnet im Interview die Petition und die politische Debatte rund um Altersdiskriminierung in der Schweiz ein.

IG Plattform Werbung 6

Altersbilder: Widersprüchlich und doch allgegenwärtig

Sture Alte und faule Junge? Prof. Dr. Klaus Rothermund erklärt im Interview, warum sich Altersbilder trotz vieler Widersprüchlichkeiten so hartnäckig halten, welche Rolle gesellschaftliche Nützlichkeitserwartungen und kulturelle Unterscheide dabei spielen und warum wir uns mit diesen Bildern letztlich selbst schaden.

Jetzt anmelden oder Profil erstellen

Anmeldung Profil erstellen