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Intergenerative Betreuung wirkt auf das Wohlbefinden im Altersheim

Ein Beitrag von Monika Blau

Generationenverbindende Betreuung , Wissenschaft & Generationenforschung

28. Januar 2022

Für ihre Abschlussarbeit im Bereich der geriatrischen Pflege befasste sich die Pflegefachfrau Eva-Maria Lanfranchi mit den Auswirkungen intergenerationeller Aktivitäten auf das Wohlbefinden hochaltriger Menschen in Altersbetreuungseinrichtungen. Anhand der vier Dimensionen des Wohlbefindens physisch, psychisch, sozial und spirituell wertete sie internationale Forschungsstudien für ihre Arbeit aus. In einem Interview informiert Frau Lanfranchi über ihre wichtigsten Ergebnisse und welche Schlüsse sie für die Praxisarbeit ziehen konnte.   

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Foto: Evang. Hochschule Freiburg

Passive und aktive Teilnahme haben beide ihren eigenen Wert

In Ihrer Forschungsarbeit sind Sie der Frage nachgegangen, wie sich intergenerationelle Aktivitäten auf hochaltrige Menschen im Altersheim auswirken. Was sind die für Sie zentralen Erkenntnisse? 

Die aktive Teilnahme an intergenerationellen Aktivitäten wirkt langanhaltender auf die Menschen im Alter, wenn sie noch zur Interaktion fähig sind und sich mit den Geschehnissen auseinandersetzen können. Eine noch tiefere Wirksamkeit kann erzielt werden, wenn das Erlebte mit der persönlichen Biografie des älteren Individuums reflektiert wird. Dennoch sollte die passive Teilnahme nicht vernachlässigt werden. Sie dient jedoch eher kurzfristig zur Unterhaltung und Abwechslung im Alltag.

 

Die passive Teilnahme an intergenerationellen Aktivitäten (Beobachten, Zuhören) scheint in der Praxis viel mehr beachtet und auch weit positiver bewertet zu werden als in der Forschung. Wie erklären Sie sich das und ergeben sich eventuell besondere Chancen aber auch Risiken daraus?

Je nach Ziel, das mit den intergenerationellen Aktivitäten zu erreichen versucht wird, soll die Tätigkeit angepasst werden. Ich verstehe das sehr gut, wenn passive Aktivitäten verfolgt werden, da diese am wenigsten Ressourcen benötigen. Man sollte sich jedoch bewusst sein, dass die Freude daran nur kurze Zeit anhält. Die älteren Menschen haben längere Zeit Freude durch die gemeinsamen Erlebnisse, das geht uns ja selbst so. Noch schöner wäre es, wenn die Erlebnisse mit den jeweiligen Bewohnenden kurz reflektiert werden könnten. Allenfalls kann eine Biografie-Arbeit daraus entstehen und fast einen therapeutischen Charakter aufweisen, wenn starke Emotionen hervorgerufen werden. Ich denke da an unerfüllten Kinderwunsch, Verlust eines Kindes, eigene Kindheit, etc.

 

In vielen Studien wird das Wohlempfinden der Altenheimbewohnenden besonders untersucht. Was sollten Projektverantwortliche aus der Alten- und Kinderbetreuung dazu für eine intergenerative Praxis wissen?

Wie bereits erwähnt, erachte ich es als wichtig, die individuelle Biografie der älteren Menschen zu kennen. Das bedeutet jedoch nicht, dass ihnen gewisse Erfahrungen aufgrund dessen verwehrt werden. Es soll Raum gegeben werden, um Erfahrungen wachsen zu lassen. Neue Fähigkeiten können auch im Alter entdeckt werden, oft ganz spielerisch und unbeschwert mit den Kindern.
Es kann jedoch zu positiven oder negativen Reaktionen kommen, welche durch Fachpersonen begleitet werden sollen. Die Aktivitäten müssen sorgfältig begleitet werden und es sollte auf verbale und nonverbale Reaktionen geachtet werden. Die Fachpersonen nehmen oft eine vermittelnde Funktion während den Aktivitäten ein. Auch negative Emotionen und unverarbeitete Dinge können mit Unterstützung positiv dazu beitragen, Frieden und Freude, sowie Wohlbefinden zu finden. Die letzte Station im Alter zeichnet sich oftmals darin aus, mit der Vergangenheit abzuschliessen und sich auf das Ende vorzubereiten.

 

Auch die Teilnahme von Demenzkranken bzw. psychisch beeinträchtigten Älteren an intergenerationellen Aktivitäten wird laut Ihrer Studie unterschiedlich gehandhabt. Was führt dazu, dass diese Menschen mitunter ausgeschlossen werden? Welche Voraussetzungen und Bedingungen braucht es entsprechend für ihre Mitbeteiligung?

Die Aktivitäten müssen zwingend gut geplant werden. Die Sicherheit der Mitarbeitenden trägt zu einem ruhigen Klima bei. Dabei sollten auch allfällige Reaktionen im Vorfeld besprochen werden und wer dafür zuständig ist. Sind die Reaktionen sehr störend für die Gruppe, sollte diese Person entfernt werden. Es benötigt Mitarbeitende die sich mit Menschen mit Demenz auskennen und eine vermittelnde Rolle einnehmen.

Biografiearbeit: Die Lebensgeschichten der Altenheimbewohner sind eine wichtige Quelle für Generationenbegegnungen

Gerade die Weitergabe von Wissen, Werten, Traditionen und Erfahrungen an jüngere Generationen wird von Hochaltrigen als sinnstiftend und selbstwirksam erlebt. Hier kann die sogenannte «Biografiearbeit» eine wichtige unterstützende Funktion erhalten. Könnten Sie diese Zusammenhänge anhand Ihrer Studie aber auch Ihrer beruflichen Erfahrungen näher ausführen?

Die Kinder haben oft ein anderes Bild von den älteren Menschen in einer Altersinstitution. Sie kennen vorwiegend ihre eigenen aktiven Grosseltern. Sie können sich oft nicht vorstellen, was die Menschen in einer Institution, trotz körperlicher und geistiger Einschränkungen noch für Fähigkeiten haben. Leider ist das Selbstbild der älteren Menschen in den Alterspflegeeinrichtungen oft nicht anders. Sie haben selbst das Gefühl, nichts mehr zu können und sind dann überrascht, was alles noch in ihnen steckt. Oft können sie ihre Fähigkeiten mit den Kindern wiederentdecken, da sie sich in der Anwesenheit der Kinder nicht schämen müssen. Diese haben nicht diese Erwartungshaltung, wie es die eigenen Kinder und Partner haben. Die Angehörigen sehen oft vordergründig den Verlust der Fähigkeiten und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Durch das Staunen, die Freude und die Unvoreingenommenheit der Kinder, werden die älteren Menschen animiert zu zeigen, wie es in jüngeren Jahren, zu früheren Zeiten einmal war und was sie erlebt haben.

 

Sie empfehlen als ein Fazit aus Ihrer Studie eine Mitwirkung weiterer Pflegefachpersonen – über den Kreis der Aktivierungsfachpersonen hinaus – an den intergenerationellen Begegnungen. Was sind Ihre Beweggründe dafür? 

In grösseren Häusern ist es meist so, dass die Menschen an einer Aktivierungsgruppe teilnehmen können. Sie gehen hin und nach einer Zeit wieder weg. Die Aktivierungs-Fachpersonen kennen die älteren Menschen oft nicht mit ihrer Biografie. Die Aktivität dient zur Abwechslung im Alltag, zur Beschäftigung und Nutzung der Ressourcen. Sie haben keine Zeit, um mit den Bewohnenden ein tiefes persönliches Gespräch zu führen. Um die Menschen auf die Gruppe vorzubereiten und für ein nachfolgendes Gespräch oder Biographiearbeit, werden Personen benötig, welche die Menschen besser kennen und die Gefühle auffangen können. Das kann eine Pflegefachperson sein. Ich habe meine Arbeit mit einer engen Kollegin geteilt, die Pflege- und Aktivierungsfachfrau ist. Sie hat langjährige Erfahrung in ihren Tätigkeiten. Wir haben viel ausgetauscht und sind uns in den Ansichten sehr einig.
Zudem können die Pflegefachpersonen während den gemeinsamen Tätigkeiten Störfaktoren vermindern, indem sie auf körperliche und psychische Reaktionen eingehen. Auch indem sie auf die nonverbalen Signale achten, besonders bei Menschen mit Demenz.

 

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was hat sich durch die intensive Beschäftigung mit intergenerationellen Begegnungen in Ihrer eigenen Arbeit als Leiterin der Pflege und Betreuung verändert und was würden Sie sich für alle Altenpflegeinstitutionen für die Zukunft gerne wünschen?  

Intergenerationelle Begegnungen sollten ein fester Bestandteil in der Altenpflege werden, weil sie bereichernd wirken. Ich wünsche mir grundsätzlich mehr qualitative, persönliche Zeit für die älteren Menschen, in denen sie sich selbst sein dürfen, ernst und wertvoll wahrgenommen werden. Ihre subjektiven Bedürfnisse mehr beachtet werden als individuelle Persönlichkeiten in einer leistungsorientierten Welt, so wie ich es für mich auch einmal wünsche, wenn ich so alt werde. Jüngere Menschen haben manchmal das Gefühl, dass ältere Menschen nicht einfach rumsitzen sollen und gehen dabei von ihren eigenen Vorstellungen aus. Ältere Menschen dürfen auch das Nichtstun geniessen oder einfach Zeit haben, um über das Leben nachzudenken.

Links & Informationen

Eva-Maria Lancfranchi

Für ihre Abschlussarbeit im Bereich der geriatrischen Pflege befasste sich die Pflegefachfrau Eva-Maria Lanfranchi mit den Auswirkungen intergenerationeller Aktivitäten auf das Wohlbefinden hochaltriger Menschen in Altersbetreuungseinrichtungen.

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