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Wer hat Angst vor Jugendsprache?

«cringe», «Gömmer Migros?» und «I bims» – Jugendliche reden anders als Erwachsene. So manche schaudert es bei der Jugendsprache und den «Ghetto-Slang» empfinden viele als kompletten Sprachverfall. Doch was steckt dahinter? In ihrem Gastbeitrag geht Jana Tschannen auf Vorurteile ein, erklärt Hintergründe und möchte unnötige Barrieren beseitigen.

Senior Woman Feeling Intimidated By Group Of Young People

«cringe», «lost» und «I bims» lauten die sogenannten Jugendwörter der letzten Jahre – gekürt von einem grossen Wörterbuchverlag. Viele Jugendliche verwenden diese angeblich so typischen Begriffe gar nicht. Und trotzdem, wer diese jungen Menschen bei sich zu Hause hat oder mit ihnen arbeitet, weiss: Jugendliche reden anders als wir. «Sprachverfall!» keift manch Erwachsener, doch er irrt. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht zeugt der Gebrauch von Jugendsprache nämlich von hoher kommunikativer Kompetenz. Wer das weiss, begegnet Jugendlichen mit weniger Vorurteilen und mehr Verständnis. Lassen Sie uns deshalb gemeinsam ein paar unnötige Barrieren beseitigen und mehr über Jugendsprache lernen:

Jugendsprache festigt die Persönlichkeit

Jugendliche müssen ihre Identität konstruieren. Das tun sie auf kreative bis provokative Art durch Kleidung, Frisuren, Musik und Sprache. Indem Jugendliche miteinander kommunizieren, handeln sie ihre Persönlichkeit aus. Im Unterschied zu Erwachsenen sind Jugendliche eher bereit, neue Wörter und grammatische Konstruktionen zu erfinden. Sie haben Lust am Sprachspiel und auch am Regelbruch.

Die Forschung brauchte eine Weile, um zu erkennen, dass es so viele Jugendsprachen wie Jugendgruppen gibt. Jede Gruppe ist anders geprägt. Sie kennen das vielleicht. Unter alten Freunden sagt jemand plötzlich: «Haha, wisst ihr noch ‘Fliege’?» und alle lachen. Für diese Gruppe hat das Wort eine besondere Bedeutung, die auf ein gemeinsames Erlebnis und eine gemeinsame Bewertung dieses Erlebnisses zurückgeht. Heute ist sich die Sprachwissenschaft einig, dass Jugendsprache stark vom Kontext abhängt. Man kann also die Bedeutung einzelner jugendsprachlicher Ausdrücke nicht einfach im Lexikon nachschlagen.

Jugendsprache grenzt ab und macht zugehörig

Mit einer gemeinsamen Sprache schaffen Jugendliche untereinander Nähe. Es entsteht eine ungezwungene Situation und das Gefühl: Wer unsere Sprache spricht, gehört dazu. Das funktioniert sogar in Abwesenheit der Gruppe. Wenn Ihr Kind mit Ihnen streitet und Jugendsprache spricht, dann distanziert es sich von Ihnen und konstruiert sich seine Freunde herbei. Es geht aber auch andersrum: Durch Jugendsprache kann Ihr Kind Nähe zu Ihnen aufbauen. Kommt es euphorisch nach Hause und beschreibt Ihnen den eben gesehenen Kinofilm in seiner Jugendsprache, möchte es Sie an seinen Emotionen teilhaben lassen. Es schenkt Ihnen Einblick in seine Welt.

Aber … der Sprachverfall!

Das Argument des drohenden Sprachverfalls lässt sich auf zwei Ängste runterbrechen:

1. «Jugendliche können nicht mehr richtig sprechen und schreiben»

Doch, können sie. Die allermeisten Jugendlichen lernen in der Schule und in ausserschulischen Situationen, wann welches sprachliche Verhalten angemessen ist. Wenn Sie sich selbst beobachten, werden Sie erkennen, dass auch Erwachsene verschiedene Sprachstile benutzen. Sie reden mit Ihrer Ärztin anders als mit Ihrer Mutter und Sie schreiben die Chat-Nachricht an Ihren Geliebten anders als eine E-Mail an Ihre Vorgesetzte. In der Sprachwissenschaft spricht man von «kommunikativen Mustern».

Jede Sprachgemeinschaft entwickelt kommunikative Muster, um unterschiedliche Aufgaben zu bewältigen. Sie möchten jemanden zum Essen einladen? Dann werden bestimmte Formulierungen von Ihnen erwartet. Das klingt deshalb so simpel, weil wir das alles unbewusst machen. Erst wenn jemand davon abweicht, fallen die Muster auf. Jugendliche beherrschen die meisten unserer etablierten Muster auch. Ebenso die Grammatikregeln. Anders könnten sie sich gar nicht durch Jugendsprache abgrenzen.

2. «Was richten Jugendliche mit unserer schönen Sprache an.»

Im Gegensatz zur Jugendsprache verändert sich die Standardsprache nur langsam. Aber sie verändert sich – seit es überhaupt Sprache gibt. Die meisten jugendsprachlichen Ausdrücke verschwinden wieder, ohne die Standardsprache zu beeinflussen. Einige Wörter oder sogar grammatische Veränderungen werden in die Erwachsenensprache und damit in die – vorerst informelle – Alltagssprache weitergetragen. So sind Ausdrücke wie «cool» und «mega» längst in unserem Sprachgebrauch, ebenso Konstruktionen wie «Das war voll der Hammer». Wörter wie «Info», «Tschüss» oder «kiffen» waren übrigens auch einmal Jugendsprache und bei den damaligen Erwachsenen verhasst. Die meisten Menschen, die den Sprachverfall kritisieren, haben in ihrem Leben selbst dazu beigetragen, dass ein Stück Jugendsprache in die Alltagssprache einzieht.

Alles schön und gut, aber der Ghetto-Slang!

Nun gibt es Erwachsene, die haben Verständnis für Jugendsprache mit neuen Wörtern, aber beim so genannten Balkan-Deutsch oder Getto-Slang ziehen sie eine Grenze. Sie finden, das sei ein schlimmes Sprachgemisch, fehlerhaftes Deutsch, eine Sprechweise, die auf einen niedrigen Wortschatz und wenig Grammatikkenntnisse hinweist. Schliesslich lassen diese Jugendlichen Präpositionen, Artikel und Pronomen aus («Gömmer Migros?» «Lass Bahnhof chillen») oder sie nutzen Fremdwörter wie Wallah (arabisch: ‘bei Gott’ bzw. ‘ich schwör’) oder Brate (serbisch/kroatisch: ‘Bruder’) aus Sprachen, die für viele mit Vorurteilen behaftet sind. Hinzu kommen eine bestimmte Aussprache und ein veränderter Sprechrhythmus – oft «Balkan-Akzent» genannt. Besonders schlimm scheinen es mache zu finden, wenn nicht nur Vlado Dragić , sondern auch Gian Aeschlimann plötzlich anfängt «so» zu reden.

Sprachwissenschaftliche Studien geben Entwarnung: Ein Balkan-Slang hat keine Auswirkungen auf die Qualität schulischer Texte oder die Grösse des Wortschatzes. Die Abweichung zum herkömmlichen Standard oder Dialekt bietet für Jugendliche eine zusätzliche Möglichkeit der Abgrenzung zu Erwachsenen, zu Regeln und Normen und nicht zuletzt zum sogenannten «Bünzlischweizer».

Wir als Erwachsene sollten Jugendlichen ihre Identitätsfindung zugestehen, auch wenn dazu Kleidung, Musik oder eine Sprache gehören, die wir niemals selbst anziehen, hören oder sprechen würden. Statt zu schimpfen, könnten wir uns fragen, in welchen Situationen wir überhaupt mit Jugendsprache konfrontiert werden. Sind wir überhaupt angesprochen oder hören wir nur zufällig mit? Und nicht zuletzt sollten wir uns kritisch fragen, wieso wir als Gesellschaft englische Wörter wie «cool» oder «chillen» eher tolerieren als türkische, arabische oder serbokroatische.

Jana Tschannen

Jana Tschannen forscht und lehrt in den Bereichen Gesprächs- und Systemlinguistik am Institut für Germanistik der Universität Bern. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder, die ihre Jugendzeit noch vor sich haben.

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