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Wie intergenerativ sind «sorgende Gemeinschaften»?

Mit dem neuen Modell von «sorgenden Gemeinschaften» wird versucht, das solidarische Zusammenleben in lokalen Gemeinschaften zu beschreiben und zu fördern. Der demografische Wandel und sich verändernde Generationenverhältnisse geben dabei nicht selten den Anstoss, sich damit auseinanderzusetzen. Robert Sempach geht in seinem Gastbeitrag diesen Zusammenhängen nach und verweist auf damit verbundenen Risiken und Chancen.

Neighbours Standing Around A Table At A Block Party

Obwohl ich die Frage vielleicht nicht so klar und eindeutig zu beantworten vermag, wie es vielleicht erwartet wird, lohnt es sich auf jeden Fall darüber nachzudenken. Über drei mit der Frage verknüpfte Teilfragen versuche ich eine Annäherung.

Sind Caring Communities grundsätzlich intergenerativ zu verstehen?

Caring Communities oder „sorgende Gemeinschaften“ sind von der Vision getragen, dass Menschen füreinander sorgen und sich gegenseitig unterstützen. Gemeinsam wird Verantwortung für soziale Aufgaben wahrgenommen, wobei Vielfalt, Offenheit und Partizipation beachtet und gestaltet werden. Dabei geht es nicht um eine Romantisierung einer idealen Gesellschaft oder des klassischen Familienmodells, sondern um «die Sorge» in und für die Gemeinschaft. Das Gemeinwohl in unserem Alltagsleben steht im Zentrum der Caring Communities Bewegung. Dieses Grundverständnis basiert auf der Tatsache, dass es in jeder Gesellschaft Care-Aufgaben zu bewältigen gibt. Ob diese Aufgaben von Professionellen oder Freiwilligen und Ehrenamtlichen wahrgenommen werden, ist dabei nicht der entscheidende Punkt. Vielmehr wird dem Beziehungsgeflecht, welches durch das „sich um andere kümmern“ entstehen, besondere Aufmerksamkeit und Wertschätzung geschenkt. In dem wir uns um andere kümmern, entsteht Verbundenheit und Gemeinschaft. Das sind – wie bei einer Ellipse – die beiden Brennpunkte der beiden Doppelbegriffe „Caring Communities“ oder „sorgende Gemeinschaften“. Auch in der Eltern-Kind-Beziehung und in den Generationen-Beziehungen spielt die gegenseitige Sorge eine entscheidende Rolle. Doch nicht immer gelingen diese Beziehungen und das gegenseitige Verständnis zwischen den Generationen stellt sich nicht zwingend ein. Aus diesem Grund sind für mich „sorgende Gemeinschaften“ sehr häufig intergenerativ, doch ist es für mich keine notwendige Bedingung, dass Caring Communities per se intergenerativ sind. Hingegen ist „Intergenerativität“ eine Eigenschaft vieler „sorgenden Gemeinschaften“. Es gibt aber auch Caring Communities, wo sich Gleichaltrige aufgrund gemeinsamer Anliegen und Sorgen zu Gemeinschaft zusammenschliessen, z.B. Queer- bzw. LGBT-Gemeinschaften oder Gemeinschaftsgärten und Ökodörfer.

Warum gibt es das Phänomen, dass Caring Communities als «Junge sorgen für Ältere» von Teilen der Gesellschaft und der Politik (miss-)verstanden werden?

In einer kommerzialisierten Leistungsgesellschaft ist der Status älterer Menschen zweifach gefährdet: zum einen, weil ihre Leistungsfähigkeit abnimmt und zum anderen, weil sie Pflege- und Betreuungskosten verursachen. Mit diesem Statusverlust finden sich viele ab, und der Gedanke, dereinst hochbetagt und vielleicht gebrechlich zu sein, wird meist sofort verdrängt. Die Caring Communities Bewegung will da zu einem Umdenken führen. Sie macht deutlich, dass wir nicht erst im hohen Alter „in eine Gemeinschaft eintreten“ und fordern können: Zeigt uns bitte Wertschätzung und behandelt und als ebenbürtiges Mitglied. Bereits als Kinder und junge Menschen sollten wir ein Verständnis entwickeln und Erfahrungen sammeln können, was es heißt, Verantwortung für eine Gemeinschaft beziehungsweise soziale Aufgaben zu übernehmen. Caring Communities umfassen deshalb alle Lebensphasen und Lebensbereiche und sind gerade nicht eine kostengünstige „Alten-Versorgung“.

Caring Communities fallen aber auch nicht vom Himmel. Entwicklungspsychologisch betrachtet bedeutet dies, uns im Verlaufe unseres Lebens nicht nur auf unsere eigene (Individuums)-Identität zu fokussieren, sondern durch den Aufbau und die Pflege von Beziehungsnetzwerken eine Gemeinschaftsidentität zu entwickeln. Das ist in ganz unterschiedlichen Gemeinschaften möglich. Wer seinen Status und seinen Selbstwert nur an die eigene Leistungsfähigkeit koppelt, wird sich im Alter eher schwer damit tun, sich als vollwertiges Mitglied von Gemeinschaften zu empfinden. Care-Aufgaben von anderen Menschen in Anspruch zu nehmen, fällt leichter, wenn sie nicht als Ausgleich eines Defizits, sondern als Geben und Nehmen im menschlichen Lebenszyklus eingeordnet werden können.

Was sind die Risiken und Chancen dieser Sichtweise von Caring Communities?

Solange lediglich Leistungsdenken und Selbstoptimierung unser Gesellschafts- und Menschenbild dominieren, wird die Caring Communities-Bewegung zweifellos einen schweren Stand haben. Trotzdem ist es nicht chancenlos, dass sie sich als eine Art Gegenbewegung zu etablieren vermag. In allen Lebensphasen und Settings des Zusammenlebens können wir ko-kreativ handeln und Verantwortung teilen oder es erlernen. Überall im sozialen und lokalen Raum, in Gemeinden und Quartieren; überall, wo Kooperation mehr zählt als Konkurrenz; überall, wo weniger das einzelne Individuum, sondern die Gemeinschaft im Vordergrund steht – überall dort erhöhen sich die Chancen, dass Caring Communities entstehen, und ihre Mitglieder Selbstwirksamkeit und Verbundenheit erfahren. Wofür uns die Caring Communities Bewegung sensibilisieren und aktivieren möchte: Wenn wir bereits im Kindes- , Jugend- und Erwachsenalter das «sich um andere kümmern» als Selbstverständlichkeit erfahren, wird es uns im hohen Alter – aber auch bei Krankheit und Lebenskrisen – leichter fallen, Unterstützung von anderen anzunehmen und die eigene Bedürftigkeit der Gemeinschaft anheimzustellen. Wer sich mit dieser Sichtweise anfreunden kann, kann sich vielleicht sogar auf das hohe Alter freuen, oder braucht sich zumindest vor der Gebrechlichkeit im Alter nicht zu fürchten.

Weiterführender Link:

Robert Sempach

Robert Sempach ist Pädagoge und Psychologe. Er war bis 2021 Projektleiter Soziales/Gesundheit bei Migros Kulturprozent und war massgeblich am Aufbau des Netzwerks Caring Communities Schweiz beteiligt.

3 Kommentare

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    Danke für Ihre Ausführungen Herr Sempach.
    Einander wahr- und aneinander Anteil nehmen, klingt so einfach und ist vermeintlich selbstverständlich. Im 10-Partien-Mietshaus, in dem ich bis vor Kurzem wohnte, war das über 15 Jahren gelebte Realität und in der Tat Basis für gegenseitiges “Caren”. Zwei, drei Wechsel in der Mieterschaft liess die Basis bröckliger werden, einer der “Moderator:innen” des Austausches hatte kaum mehr Zeit für die Gemeinschaft. Aus einem anteilnehmenden Miteinander wurde ein Nebeneinander, durchaus freundschaftlich, aber halt nebeneinander.
    Klar, das ist anekdotische Evidenz… aber wieviel Engagement, wieviel Hartnäckigkeit, wieviel Konstanz trotz Wechsel es braucht, um ein Beziehungsgeflecht längerfristig aufrecht zu erhalten, lässt sich daran nur allzu gut illustrieren. Wäre interessiert an Erfahrungsberichten gelingender Care Communities.

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    Damit in anonymeren Umgebungen ausserhalb von Krisen Caring Communities entstehen, braucht es zuerst Kontakt- und Begegnungsmöglichkeiten. Das ist für mich die unterste Stufe in der Gemeinschaftsbildung. Caring Communities entwickeln sich über mehrere Stufen. Auf den unteren Stufen geht es darum, Mitmenschen wahrzunehmen und Anteil an ihrem Leben zu nehmen. Dies stellt bereits eine große Herausforderung dar. Diese Basisarbeit auf den unteren Stufen der Gemeinschaftsbildung wird oft unterschätzt. Dazu es braucht Moderator*innen oder Menschen, die sich in den Dienst der Gemeinschaft stellen und in einer anonymen Umgebung Menschen miteinander ins Gespräch bringen und sich um den Aufbau eines Beziehungsgeflechts kümmern. Erst wenn Menschen miteinander in Kontakt kommen und Vertrauen zu einer fassen, ist die Grundlage geschaffen, um Care Aufgaben gemeinsam zu planen und zu verantworten.

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