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Generationenprojekte als Beitrag zu mehr Generationensolidarität

Ein Beitrag von Simone Gretler Heusser

Altersdiskriminierung , Wissenschaft & Generationenforschung

14. April 2026

Generationensolidarität ist mehr als nur Umverteilung in der AHV, sondern kann auch in kleinen Begegnungen im Alltag beginnen. Begegnungen selbst bedeuten jedoch nicht automatisch mehr Solidarität. Weshalb die Gestaltung dieser Begegnungen entscheidend ist und welche Rolle Generationenprojekte für den sozialen Zusammenhalt spielen, ordnet Sozialwissenschaftlerin Simone Gretler Heusser im Rahmen des Tags der Generationensolidarität am 29. April ein.

In Thalwil Arbeiten Eine Kita Und Ein Alterszentrum Eng Zusammen.

Foto: Clara Neugebauer

Das Zusammenleben der Generationen muss – wie vieles in unserer individualisierten Zeit – mehr und mehr bewusst gestaltet werden. Im Folgenden gehe ich dem Begriff von Generationensolidarität nach und der Frage, unter welchen Umständen Generationenprojekte einen Beitrag zum guten Zusammenleben der Generationen und ihrem solidarischen Umgang miteinander leisten können.

Generationensolidarität: Mehr als Familie und AHV

Generationensolidarität wird oft im Kontext von familiären Beziehungen und Strukturen oder im Zusammenhang mit dem Generationenvertrag (wie z.B. der Umverteilung in der AHV) diskutiert. Hier interessiert ein Blick auf Solidarität ausserhalb familiärer Strukturen und die Frage, wie Generationensolidarität als solidarisches Handeln im Alltag verstanden werden kann. Als Initiant:in eines konkreten Generationenprojektes, sei es im Care-Bereich, sei es in der Nachbarschaft, der Schule oder im Gemeinschaftszentrum oder als interessierte Person fragen Sie sich vielleicht: Was kann ich bewirken? Generationenprojekte können Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Generationen ermöglichen und so zu gegenseitigem Verständnis beitragen.

In Kürze: 

  • Begegnung allein reicht nicht: Generationensolidarität entsteht nicht automatisch durch Kontakt zwischen Altersgruppen, sondern braucht bewusste Gestaltung.
  • Reibung als Chance: Die Auseinandersetzung mit Gemeinsamkeiten, unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen ermöglicht Beziehung und damit die Grundlage für Solidarität.
  • Gemeinsame Initiativen verbinden: Das gemeinsame Einsetzen für Anliegen im Alltag, etwa für die Verkehrsberuhigung einer Strasse, bringt Altersgruppen zusammen und macht solidarisches Miteinander erfahrbar, auch jenseits klassischer Generationenprojekte.

Generationenprojekte: Mehr als nur ein Trend

Das geschieht allerdings nicht von allein. Generationenprojekte per se tragen nicht unbedingt zu einem grösseren Verständnis zwischen den Generationen bei, noch fördern sie automatisch den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Oft genug werden Generationenprojekte zumindest der einen teilnehmenden Generation «verordnet». Wenn beispielsweise Schulklassen ins Alterszentrum singen gehen, sind zu diesem Zeitpunkt zumindest drei Lebensaltergenerationen im Raum vertreten, die jungen Kinder, die Bewohner:innen und die mittelalten Mitarbeitenden und Lehrpersonen. Ohne Einbettung und Kontextualisierung sind solche wohlgemeinten Projekte jedoch wirkungslos, haben vielleicht sogar eine negative Wirkung, wenn Beteiligte nicht auf die gemeinsamen Begegnungen vorbereitet werden. Um beim Beispiel des Altersheims zu bleiben: In Bielefeld habe ich einmal ein Projekt kennengelernt, in welchem Bewohner:innen des Heims und eine Primarschulklasse sich auf ein gemeinsames Projekt über ein Schuljahr hinweg einliessen. Da gab es einerseits persönliche Beziehungen zwischen einzelnen Kindern und alten Personen, andererseits aber auch Aktivitäten wie gemeinsames Pizzabacken, Singen oder Spielen in Gruppen. Die Erfahrungen wurden in beiden Gruppen reflektiert und so gemeinsames Lernen ermöglicht.

Das Zusammensein von Menschen unterschiedlicher Generationen kann jedoch eine Chance sein. Angehörige verschiedener Generationen haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht, vertreten in manchen Bereichen vielleicht nicht die gleichen Werte. Wie in jeder Begegnung gilt: am meisten lernen können wir dort, wo es Reibung gibt, Irritation vielleicht sogar. Die Auseinandersetzung mit den Gemeinsamkeiten und den Unterschieden, die uns mit den anderen verbinden und uns eben auch von ihnen unterscheiden, ist wichtig. Sie ermöglicht Beziehung. Und Beziehung ermöglicht Solidarität, gemeinsam an einem Strick zu ziehen, sich für ein gemeinsames Ziel einzusetzen.

Was heisst eigentlich Solidarität?

Solidarität kann als eine Art Kleber verstanden werden, der die Gesellschaft zusammenhält: Menschen setzen sich füreinander ein und handeln gemeinsam. Solidarisches Handeln ist jedoch nicht einfach gegeben, sondern muss immer wieder neu ausgehandelt werden – im Spannungsfeld zwischen eigenen und gemeinsamen Bedürfnissen.

Mehr dazu hier.

Solidarisch Handeln im Alltag

Solidarität ist einerseits komplex, kann sich aber in kleinen Gesten im Alltag zeigen, sei dies in Form von Hilfe anbieten, sich neugierig und offen gegenüber anderen zu zeigen, zuzuhören oder bewusst nachzufragen.

 

Eine Chance für mehr Generationensolidarität

Und hier sehe ich die Chance von Generationenprojekten. Egal ob Kinder und Senior:innen, «junge Alte» und «alte Alte», Jugendliche und Personen in der Lebensmitte zusammen in einem Generationenprojekt unterwegs sind – oder auch ein Projekt mit Absicht alle Generationen anspricht – die Dimension des Lebensalterunterschieds ist immer ein Punkt. Diese Dimension muss nicht im Vordergrund stehen. Viele Projekte und Initiativen sind de facto Generationenprojekte, nennen sich aber nicht so. Vielleicht steht der gemeinsame Kampf für eine verkehrsberuhigte Strasse, das Interesse an einem Begegnungsort im Dorf im Vordergrund und die Generationendimension kommt «einfach mit». Andere Projekte fördern bewusst und gezielt das Zusammentreffen von Menschen, die unterschiedlichen Generationen angehören.

Wie wir Menschen im Alltag unsere Beziehung zur Welt, zum Ganzen gestalten können, das ist es, worauf es ankommt. Um die Chance eines Generationenprojekts für die Generationensolidarität zu nutzen, braucht es einen bewussten Umgang und eine aktive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Sichtweisen und Erfahrungen. Sie sind eine Bereicherung. Neben den Unterschieden gibt es vor allem und überall auch Gemeinsamkeiten. Wir können nur an uns selbst direkt arbeiten, aber dieses Handeln im Kleinen bewirkt etwas, auch in der Gesellschaft. Es ist gelebte Generationensolidarität.

Simone Gretler Heusser

Simone Gretler Heusser ist Sozialwissenschaftlerin und Master in Public Health. An der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit ist sie im Institut für Soziokulturelle Entwicklung für das Kompetenzzentrum Zivilgesellschaft und Teilhabe verantwortlich. Zu ihren inhaltlichen Schwerpunkten gehören Partizipation und demographischer Wandel.

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