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Demenz: Herausforderungen und Chancen für die Gesellschaft

Was können jüngere Generationen beitragen, um Menschen mit einer Demenz das Leben zu erleichtern? Welche Möglichkeiten gibt es – und welche Grenzen? Was erwartet uns als Gesellschaft in der Zukunft? Stefanie Becker, Direktorin von Alzheimer Schweiz, im Gespräch mit Daniela Kuhn.

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Demenz in der Schweiz – Einordnung und Ausblick

 

Stefanie Becker, in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird es immer mehr hochbetagte Menschen geben, also auch mehr Menschen mit einer Demenz. Wie sehen die entsprechenden Zahlen für die Schweiz aus?

Im Moment gibt es kein Heilmittel gegen Demenz. Da die Menschen immer älter werden und Alter der grösste Risikofaktor für eine Demenzerkrankung ist, müssen wir davon ausgehen, dass die Prävalenzzahlen steigen werden. Im Jahr 2050 dürften gemäss den Schätzungen von Alzheimer Schweiz rund 315 000 Menschen von Demenz betroffen sein, also fast doppelt so viele wie heute. Da es in der Schweiz kein Demenzregister gibt, werden Prävalenzraten anhand der Bevölkerungsstatistik und einer internationalen Metastudie geschätzt.

 

Die Statistik zeigt auch: In der Schweiz leben immer mehr Personen in Einzelhaushalten. Sollten sie an Demenz erkranken, werden kaum alle in Institutionen unterkommen können oder wollen. Wer wird sich um sie kümmern?

Für alleinstehende Person scheint es mir am wichtigsten, dass sie in jedem Alter Freundschaften pflegen. Und zwar auch solche mit Menschen, die möglichst in der Nähe wohnen. Ein Netz von Bekannten zu haben, ist zentral. Es kann auch die Nachbarin von nebenan sein, denn gerade am Anfang einer Demenz sind es kleinere Hilfeleistungen, die es den Erkrankten ermöglichen, in der eigenen Wohnung zu bleiben. Dieser Aspekt ist besonders zu bedenken, da die heutige jüngere Generation mal da und mal dort wohnt.

 

Was kann gesellschaftlich beigetragen werden?

Verschiedene Wohnformen werden wichtiger werden. Beispielsweise indem ältere Personen gegen Unterstützungsleistungen jungen Menschen Wohnraum zur Verfügung stellen. Auch betreute Wohngemeinschaften können stärker ausgebaut werden, sowie integrative Wohnungen mit Begleitung oder spezifische Tages- und Nachtstätten. Hilfreich können auch Pflegeeinrichtungen sein, die verschiedene Wohnformen anbieten und so durchlässig sind für eine Betreuung und Pflege bis zum Tod.

 

In unserer hochindividualisierten Gesellschaft sind diese Wohnformen nicht jedermanns Sache.

Das ist so. Angesichts einer Demenzerkrankung lässt sich aber nicht mehr sagen: My Home is my Castle. Irgendwann ist die Erkrankung soweit fortgeschritten, dass der Verbleib zuhause eine permanente Betreuung erfordert. Eine solche werden sich nur wenige leisten können. Idealerweise sollte man sich als alleinlebende Person schon früh überlegen, wie man im Alter leben möchte.

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Wie steht es mit Nachbarschaftshilfe? 

Diese Möglichkeit, von Menschen aus der Umgebung betreut zu werden, sollte deutlich ausgebaut werden. Denn eine Person, die eine Demenzdiagnose erhält, benötigt am Anfang der Erkrankung vor allem Betreuung, auch wenn sie noch während langer Zeit nicht pflegebedürftig ist. Die Krankenversicherung bezahlt aber nur Pflege.

 

Gibt es Modelle von bezahlter Nachbarschaftshilfe?

Im Behindertenbereich gibt es sogenannte Assistenzbeiträge, Geld, das individuell zur Verfügung steht, um von einer bestimmten Person betreut zu werden. Es gibt auch bezüglich Demenz Bestrebungen in diese Richtung, sie haben politisch aber leider kaum Chancen. Die politische Gesundheitsstrategie 2020-2030 sieht in dieser Hinsicht keine Erhöhungen vor. Zudem variiert die Situation je nach Wohnort. Im Kanton Luzern gibt es beispielsweise einen Demenzzuschlag: Weil die Pflege von demenzkranken Menschen mehr Zeit benötigt als üblich, bezahlen diese Patienten pro Tag 20-35 Franken aus der eigenen Tasche dazu.

 

Welche Rolle spielen die verschiedenen Generationen, beispielsweise kleine Kinder?

In unserer Gesellschaft gilt unsere geistige Fitness als eines der höchsten Güter. Wer kognitiv nicht mithalten kann, gerät schnell ins Abseits und zieht sich daher oft selbst aus Angst vor Ablehnung zurück. Viele sind auch sehr hilflos im Umgang mit Demenzerkrankten und meiden daher auch den Kontakt. Kinder bis etwa zum Alter von 6 Jahren dagegen sind unvoreingenommen. Sie haben keine Vorurteile, sondern nehmen die Menschen, wie sie sind. Das ermöglicht eine Begegnung auf Augenhöhe.

 

Gibt es Ihrer Meinung genügend Orte, an denen demenzerkrankte Menschen auf kleine Kinder treffen?

Es gibt verschiedene Pflegeeinrichtungen, die eine Kindertagesstätte oder einen Kindergarten integriert haben und so Begegnungsmöglichkeiten fördern. Im öffentlichen Raum sind es am ehesten Parks und Grünflächen, die für alle Generationen attraktiv sind. Ansonsten finden Begegnungen vor allem innerhalb der Familie statt.

Begegnungen zwischen Generationen in der Betreuung

Betreuungsinstitutionen für Jung (Kitas, Schulen etc.) und Alt (Pflegezentren, Altersheime etc.), welche die Begegnungen zwischen Kindern und alten Menschen ermöglichen, schaffen grosse Vorteile: Einerseits werden die Lebensqualität, Autonomie und Gesundheit der betagten Menschen und andererseits die sozialen und kognitiven Kompetenzen der Kinder gefördert. Hinzu kommt, dass die familienexterne Betreuung nicht nur die betreuten Kinder und betagten Menschen, sondern auch deren Angehörige betrifft. Entdecken Sie im Themenüberblick die vielfältigen generationenverbindenden Projekte, aktuelle Beiträge und Austauschmöglichkeiten! Übrigens: Die intergenerative Betreuung ist auch Förderschwerpunkt von Intergeneration.

Was kann generell getan werden, damit sich Menschen mit Demenz und jüngere Generationen niederschwellig begegnen?

Es braucht mehr entsprechende Strukturen, etwa im Bereich des Städtebaus, in der Planung von öffentlichem Raum. Die Infrastruktur soll auch mit Gehbehinderung zugänglich sein. In Neubaugebieten sind Orte wichtig, an denen sich verschiedene Generationen begegnen können. Auch das Generationenwohnen fördert Begegnungen oder sogar gemeinsames Miteinander im direkten Umfeld. Quartierarbeit kann zudem einen wichtigen Beitrag leisten.

 

Was ist über Demenz genügend, was zu wenig bekannt?

Inzwischen ist vielen Menschen zwar bewusst, dass es viele verschiedene Formen von Demenz gibt, wobei Alzheimer mit etwa zwei Drittel der Fälle die häufigste ist. Aber eine Studie der Universität Zürich hat gezeigt, dass die Angst vor einer Demenzdiagnose noch immer sehr gross ist: Ein Viertel der Teilnehmenden erklärte, sie würden damit lieber nicht mehr leben wollen. Es braucht daher noch viel mehr Aufklärung.

 

Wie erreichen Sie dabei die jüngste Generation?

Für die Sekundarstufe 1 hat Alzheimer Schweiz zum Thema Gedächtnis und Lernen entsprechendes Unterrichtsmaterial erarbeitet. Im Sinne von Bildung und Information der Jüngsten, denn sie sind die Angehörigen von morgen. Wenn Wissen über Demenz und Alzheimer sich schon früh entwickelt, können Fragen beantwortet werden. In der Begegnung mit Erkrankten reduziert das Vorurteile und Ängste.

 

Bräuchte es angesichts der oben erwähnten Zahlen nicht eine breitere Kampagne?

Als NGO, die vor allem über Spenden finanziert wird, fehlen uns für grosse Kampagnen leider die Mittel. Wichtig ist uns zu vermitteln, dass Symptome möglichst früh abklärt werden sollten. Vergesslichkeit, fehlende Konzentration oder Verwirrtheit können auch ganz andere Gründe haben, etwa eine Depression oder hormonelle Probleme. Diese sind grundsätzlich auch im höheren Alter sehr gut behandelbar. Sollte tatsächlich eine Demenz diagnostiziert werden, ist man in diesem frühen Stadium noch in der Lage, selbstbestimmt Entscheide zu treffen. Das ist viel wert.

 

Nochmals zurück zur Unterstützung, die jüngere Generationen Betroffenen bieten können. Sie sagten, alleine lebende Menschen seien primär von ihrem sozialen Netz abhängig. Winkt sozial zurückgezogenen Personen dereinst die Betreuung von einem Roboter?

Das glaube ich nicht. Technik kann zwar alle möglichen Lebensbereiche gut unterstützen, aber nicht den menschlichen Kontakt, der ja gerade bei einer Demenzerkrankung so wichtig ist. Aber klar, neue Formen der Technik werden kommen, sie sind mitunter schon da. Was individuell hilft und akzeptiert ist, wird künftig anders eingeschätzt werden, vor allem von heute noch jüngeren Generationen.

Stefanie Becker

Dr. phil. Stefanie Becker ist Psychologin und Gerontologin und seit 2015 als Direktorin von Alzheimer Schweiz tätig. Sie ist Mitglied im Vorstand von Alzheimer Europe und im Leitungsgremium der Nationalen Plattform Demenz. Als Referentin und Beraterin im Demenzbereich setzt sie sich bereits langjährig für die Förderung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz sowie den Abbau von Vorurteilen ihnen gegenüber ein.

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